Arbeit macht uns selten glücklich

Alex R.

Vor einer Woche las ich in der Wirtschaftswoche ein sehr sympathisches Interview mit dem Philosophen Alain de Botton über die Schwierigkeit, frei von Karriereangst zu bleiben. Ich will mal versuchen, die für mich wichtigsten Passagen herauszufiltern:

Glücklich mit seiner Berufung empfindet er Arbeit nicht nur als Strafe, sondern als Quelle des Glücks. Er empfiehlt Fremde nicht zunächst nach deren Job zu fragen, sondern vielmehr die Frage zu stellen, was sie aktuell beschäftigt. Aristoteles glaubte daran, dass seelische Zufriedenheit und bezahlte Arbeit unvereinbar sind. Körperliche Arbeit führe erst recht zu geistiger Deformation. Dies änderte sich in der Renaissance. In den Biografien von Leonardo da Vinci oder Michelangelo gibt es erstmals Hinweise darauf, dass praktische Beschäftigung Freude macht.

Vorher hatten zufriedene Menschen viel Freizeit, jetzt hatten sie viel Arbeit. Zuvor schien es unmöglich, arbeiten zu müssen und Mensch sein zu können. Nun schien es unmöglich, nicht zu arbeiten und trotzdem glücklich zu sein. Das beeinflusst uns noch heute. „Berufung“ sei ein merkwürdiger und unglückseliger Begriff. Er kam bereits im Mittelalter auf, damals aber in völlig anderem Zusammenhang.

Auf die Frage, was sein Rat sei, empfiehlt er viel geduldiger sein und darüber nachdenken, was wir wirklich vom Leben wollen. Stattdessen geraten wir bei der ersten Unzufriedenheit in Panik. Für die meisten von uns bleibt die Wirklichkeit hinter den Erwartungen zurück. Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass unser Potenzial zum großen Geldsegen führt.

Das soll nicht heißen, dass uns Arbeit niemals glücklich machen kann – bloß tut sie es selten. Es ist heutzutage leichter als jemals zuvor, sich ein gutes Auskommen zu sichern. Aber es ist schwieriger denn je, ruhig und frei von Karriereangst zu bleiben. Wir leben schlichtweg in einer Gesellschaft, die bestimmte emotionale Belohnungen an materielle Güter geknüpft hat. Wir wollen nicht die materiellen Güter, wir wollen die Belohnungen.

Niemals zuvor waren die Erwartungen höher, was Menschen in ihrer Lebenszeit erreichen können. Wir leben jetzt in einem System, in dem jeder in die Position aufsteigen kann, die ihm gefällt. Hinzu kommt eine Art Geist der Gleichheit: Es gibt keine strikt definierten Hierarchien.

Dabei gibt es ein großes Problem: Das vorherrschende Gefühl in der modernen Gesellschaft ist Neid, und das hängt mit dem Geist der Gleichheit zusammen. Jeder Mensch trägt Jeans, jeder ist scheinbar gleich. Es ist heute ebenso unwahrscheinlich, so reich und berühmt wie der Bill Gates zu werden, wie es im 17. Jahrhundert war, Teil des französischen Adels zu werden. Aber es fühlt sich nicht so an.

Vielmehr wird uns das Gefühl vermittelt, dass man nur Energie braucht, ein paar kluge Ideen und eine Garage, um eine große Sache zu starten. Glauben Sie daran, dass diejenigen am unteren Ende der Gesellschaft das verdient hat?

Die Vorstellung, dass jeder bekommt, was er verdient, ist völlig verrückt. Davon müssen wir uns dringend lösen. Es gibt einfach zu viele Zufallsfaktoren.

Manchmal scheitern die Guten. Ich möchte, dass meine beiden Kinder wissen: Die Welt ist manchmal schrecklich, es wird Niederlagen geben, man wird sie hinwerfen, und sie werden fallen. Aber egal, was passiert, sie werden immer geliebt. Ihre Existenzberechtigung ergibt sich nicht aus beruflichem Erfolg.

Auf die Frage, er wolle möglichst vielen Menschen dabei helfen, ein besseres Leben zu führen und vielleicht sogar den Sinn des Lebens zu finden, antwortet er, davon sei er überzeugt. Zumindest lernt es an der Schule oder der Universität niemand. Doch, wie führe ich eine Beziehung? Was macht eine Freundschaft aus? Wie werde ich im Job glücklich? Das sind wichtige Fragen.

Um „Erfolg“ zu definieren, müssen wir anerkennen, dass wir nicht bei allem erfolgreich sein können. Wer in einem Bereich extrem erfolgreich ist, der ist in anderen vermutlich ein Versager.

Auch mag er den Begriff Work-Life-Balance nicht. Er glaube nicht an ein ausbalanciertes Leben, sondern ein erfülltes Leben. Sprechen Sie mal mit einer jungen Mutter oder einem überarbeiteten Gründer. Die werden Ihnen sicher nicht sagen, dass ihr Leben in der Balance ist. Erfüllt sind sie vielleicht trotzdem. Wir sollten anerkennen, dass es ein wunderschöner Traum ist, gleichzeitig erfolgreich und glücklich zu sein. Ja, er ist möglich, aber er ist unwahrscheinlich. Wir müssen darauf vorbereitet sein, dass wir nicht alles haben können – und dass wir trotzdem klarkommen.

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